Als ich am 23. Juli von Harlem heim gefahren bin, dachte ich, dass so eine Fahrt ganz gut beschreibt wie und warum diese riesige Stadt funktioniert. Deshalb gibt es heute keine Modeprognosen, sondern eine kleine Reise.
Ich steige an der E 160th Street in den fast leeren Bus M102. Wir fahren auf dem Malcom X Boulevard entlang vorbei an wunderschönen Beaux Art Appartmentgebäuden, die damals für die obere Mittelschicht gebaut wurden um ihnen den Umzug aus dem südlichen Manhattan zu ermöglichen. Ein älteres Paar steigt ein, er mit einem übergroßen Rollator, und sie hilft ihm beim Hinsitzen im vorderen Teil des Busses, der für Ältere und Menschen mit Behinderungen gedacht ist. Es kommt ein Fahrgast im Rollstuhl dazu und der Herr mit dem Rollator muss sich umsetzen, damit die Sitzbank hochgeklappt werden kann. Der Busfahrer klappt eine Rampe aus und der Rollstuhlfahrer fährt in den Bus und sagt dem Fahrer wo er aussteigen will. Zwei schwer bepackte Frauen in Kleidern mit afrikanischen Mustern steigen ein und die Begleiterin des Herrn mit dem Rollator geht in den mittleren Teil des Busses um Platz zu machen. Ein Junge im Schalke Trikot kommt dazu. Neben ihn setzt sich ein älterer Herr im Kaftan. Er lächelt vor sich hin und beginnt leise zu singen. Inzwischen fahren wir auf der 5th Avenue am Park entlang und der Bus wird voller. Es ist 18 Uhr und während man sieht wie sich rechts manche Parkbesucher schon auf den Heimweg machen, werden links die blaublütigen, vierbeinigen Bewohner der hochklassigen Appartements Gassi geführt. Auf der E 86th Street steige ich um in den Bus M86 und fahre zur 2nd Avenue um dort in die Metro Q umzusteigen. Eine Frau mit einem Baby auf dem Rücken läuft durch die Waggons und verkauft Süßigkeiten aus einem Bauchladen. Kurz nach der Canal Street verlässt die Q den Untergrund und nachdem sie ein kleines Stück über den Wirrwarr der Straßen von Chinatown gefahren ist, begibt sie sich auf die Manhattan Bridge. Von unten blinkt das Wasser des East Rivers, weit hinten hält eine winzige Freiheitsstatue standhaft ihre Fackel in die Luft und gegenüber schwinkt sich graziös die Brooklyn Bridge von Borough zu Borough. Mein Herz wird weit und ich lächle und winke ihr schnell zu, bevor wir wieder in den Untergrund verschwinden. Eine Mutter und ihre kleine Tochter setzen sich zu mir, das Mädchen, in Schlafanzug und Bademantel gekleidet, ist wohl schon auf dem Weg ins Bett. Zwei junge Männer steigen ein und drücken den Lautsprecher ihres Handys hoch um laut Musik zu hören. Viele Fahrgäste schlafen, manche offensichtlich, manche eher diskret. Die Q fährt für ein kurzes Stück ins Freie, beidseitig flankiert von Gebüsch, und da ist auch schon die Church Avenue, meine Endstation.