10. Juni, Manhattan

dig

Heute ist Soho dran, der Stadtteil mit den teuren Läden. Ganz New York scheint auf den Beinen zu sein, schließlich sind es nur noch acht Tage bis Vatertag. Und natürlich gibt es viele Touristen. Ich gehe die Prince Street entlang, da höre ich plötzlich hinter mir jemanden rufen: „Oh my god, I so thought you were Diane Keaton.“. Neugierig drehe ich mich um, um zu sehen wer gemeint ist. Ein junger Mann schaut mich fragend an. Ich ignoriere den Altersunterschied (zu Ms Keaton, nicht zu ihm) und bedanke mich lachend. Bestimmt ist dieses Kompliment meinem Hut geschuldet. Beschwingt gehe ich weiter und bummele an Schaufenstern mit verrückten Auslagen vorbei. Hier in Soho wurden Mitte des 19. Jahrhunderts sehr viele Fabriken gebaut die, weil es noch keine Elektrizität gab, auf Tageslicht und daher auf hohe Fenster angewiesen waren. Gusseiserne Bauelemente aus dem Katalog ermöglichten diese Bauweise einfach und kostengünstig. Der Mitte der 60er Jahre geplante Bau der Stadtautobahn konnte damals zum Glück durch den Einsatz der Anwohner gemeinsam mit den Künstlern, die inzwischen die Fabriklofts erobert hatten, verhindert werden. Heute hat Soho weltweit die höchste Dichte an gusseisernen Gebäuden. Aber gelegentlich erhasche ich auch einen Blick auf Grün in einem der Hinterhöfe und insgesamt gibt es in New York viele grüne Inseln um mal kurz zu verschnaufen. Ich trinke noch einen Matcha-Strawberry Fizz und dann wird es langsam Zeit mich Richtung Central Park zu begeben. Heute Abend gibt es dort ein OpenAir Blues Konzert und nachdem ich Taschenkontrolle und Bodycheck passiert habe, suche ich mir ein Plätzchen und mache es mir gemütlich. Als Vorband tritt ein Highschool Gospelchor auf, dann kommt eine Band die eine Mischung aus karibischen Elementen, Jazz, und Rapp spielt und anschließend eine Band deren Musikrichtung ich eher als Pop bezeichnen würde. Blues ist für meine Begriffe wenig zu erkennen, aber ich bin ja auch keine Fachfrau. Der dritte Hauptakt ist ein DJ, den lasse ich aus und gehe nach Hause.

sdr
sdr

9. Juni, Manhattan

dig

Keine Sorge, ich bin nicht nach Moskau entführt worde. Heute stehen Nolita (North of Little Italy), Noho (North of Houston Street), und Soho (South of Houston Street) auf dem Programm und hier befindet sich auch die einzige Leninstatue in den USA. Außerdem will ich noch ein paar Punkte in der Lower East Side anschauen und wieder im H & B Dairy Diner essen, der Carrot Cake sah letztes Mal echt lecker aus. Inzwischen weiß ich ja wie ich am besten fahre (denke ich und warte prompt auf der falschen Straßenseite auf den Bus). Vor dem Gebäude, in dem früher The Village Voice untergebracht war, mache ich kurz Pause. Sie war die erste alternative Wochenzeitschrift in den USA und hat 62 Jahre lang durchgehalten. Inzwischen ist es auch schon Mittagszeit und ich staune wieder darüber wieviele New Yorker sich bei wohl angesagten Restaurants anstellen und auf einen Tisch warten, während zwei Häuser weiter das Restaurant fast leer ist. Wer sich was zu Essen geholt oder mitgebracht hat, verbringt die Mittagspause gerne im Elizabeth Garden mit seinen vielen Statuen. Ich mache noch einen Stop im Economy Candy, wo es Unmengen an Süßkram aus diversen Ländern gibt und dann gibt es auch für mich was zu essen. Leider ist der Carrot Cake nicht mit Creamcheese sondern mit Micacle Whip verziert — bäh, ist das süß. Zurück nach Noho, hier ist es echt hübsch, es gibt nette Läden und selbst die großen Wohnhäuser sind reich verziert und sehen zum Teil wie Hochzeitstorten aus. Aber dann bin ich auch müde, Soho muss warten.

dig
dav
dig

8. Juni, daheim

dav

Auf Grund der Luftverhältnisse bleibe ich heute daheim. Zwischenzeitlich war der Himmel zwar eher grau als gelb und man konnte sogar ein paar Wolken ausmachen, aber die Luftqualitäts-Warnung besteht weiterhin. Meine Socken habe ich bereits am Dienstag gestopft, ich surfe also viel, lese, esse und frage mich ob mein Rentneralltag zurück in Stuttgart dann so ausschauen wird. Nö, das glaube ich eigentlich nicht.

In diesem Blog soll es ja auch ein bisschen um meine persönlichen Eindrücke gehen. Deshalb schreibe ich heute mal über ein Thema das im Moment sehr präsent ist (in Deutschland ja auch) — Diversity.

Aus Gay Pride ist nun Pride geworden und zu der siebenfarbigen Regenbogenflagge sind schwarz, braun, hellblau, rosa, und weiß dazu gekommen. Es gibt Pride Day, Pride Week, und Pride Month, an Schulen und Bibliotheken hängen Wimpel in den Farben der neuen Flagge und in Back-Blogs habe ich bunt gestreifte Kuchen gesehen. Die Werbung hat das Thema natürlich längst aufgegriffen, Macy’s wirbt mit „pride + joy“ und Praxen und Agenturen bieten Beratung an. In öffentlichen Gebäuden gibt es genderfreie Toiletten (die gabs allerdings schon bei Ally McBeal in den 90er Jahren) was dazu führt, dass Eltern auf der Kommentarseite des Queens Museums andere Eltern davor warnen. Natürlich gibt es Demos und Politiker positionieren sich und beschimpfen sich gegenseitig.

Und während ich es gut finde, dass das Thema Diversity endlich offen angesprochen wird, beschleicht mich leider das Gefühl, dass es vielen hauptsächlich um Selbstdarstellung oder Geldmacherei geht. Ich hoffe sehr, dass Diversity weiterhin Thema bleiben und nicht demnächst von einem neuen „Cause“ abgelöst werden wird. Und noch mehr hoffe ich, dass alle die auf der Flagge vertreten sind, ob persönlich oder durch Kollegen, Freunde, Familie, etc. weiterhin an einem Strang ziehen werden anstatt sich zu verzetteln.

7. Juni, Brooklyn

dig

Jetzt ist Schluss mit dem Rumhängen, heute geht’s wieder los. Auf der Straße herrscht eine Art Endzeitstimmung, der Himmel ist gelb, die Sonne ist mitten am Tag ein knallorangefarbener Ball, ein Großteil der Menschen trägt wieder Maske, alles scheint irgendwie gedämpft, die Augen brennen. Dies alles sind Auswirkungen der Waldbrände in Kanada. In Poughkeepsie, einem Städtchen knapp zwei Stunden nördlich von New York City, konnte man gestern die Hand nicht vor Augen sehen. Ich werde heute also sicher nicht lange unterwegs sein. Aus der Metro hatte ich um die Avenue H herum hübsche alte Häuser gesehen, die will ich mir mal zu Fuß anschauen. Auf der einen Straßenseite gibt es große Appartementkomplexe die mit Zinnen bestückt sind und ein bisschen wie Burgen ausschauen. Gegenüber stehen Einfamilienhäuser, zum Teil sogenannte Shotgunhäuser. Diese Häuser haben keinen Flur, sondern man betritt direkt das Wohnzimmer, geht weiter durch eines oder mehrere Schlafzimmer bis man am Schluss durch die Küche wieder ins Freie tritt. Die Türen sind oft leicht versetzt, damit die Geister nicht so leicht durch kommen. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg wurden diese Häuser zuerst in den Südstaaten gebaut und oft von ehemaligen Sklaven bewohnt. So schmal gebaut wurden sie, weil die Steuern auf Basis der Grundstückbreite berechnet wurden. Die Bezeichnung Shotgunhaus kommt übrigens nicht, wie oft angenommen daher, dass man einmal ungehindert durchschießen kann, sondern geht auf das afrikanische Wort Togun zurück, welches Versammlungsort bedeutet. Auf dem Weg zu einem Café, über das ich in einem Buch gelesen habe, mache ich einen kurzen Zwischenstop in einem schönen Papierladen. Gestärkt durch einen Muffin und einen Cappuccino gehe ich noch in einen netten kleinen Buchladen (danke für den Tipp, Christiane) und danach heim.

sdr
sdr

6. Juni, Bett

Ein letztes Aufbäumen der Bakterien, sie geben wirklich alles. Aber morgen werde ich wieder unterwegs sein.

5. Juni, Bett

Seit einem Monat bin ich jetzt schon hier in Brooklyn. Die Bakterien haben den Rückzug eingeleitet, allerdings erst mal in Richtung Nebenhöhlen. Die werd ich schon noch vertreiben.

4. Juni, Bett

Leider sind die Halsschmerzen schlimmer geworden, deshalb decke ich mich mit heißer Zitrone mit Honig ein und bleibe im Bett.

3. Juni, Manhattan

sdr

Die Hitze gestern in Kombination mit den Klimaanlagen in Metro und Bus haben trotz Schal zu ein bisschen Halsweh geführt. Ich ziehe deshalb bevor ich los ziehe den Hoody über und mache mich dann auf den Weg zu einem Kirchenflohmarkt. Er ist eher klein aber sehr nett, man schnackt ein bisschen und ich kaufe eine Bluse. Weiter geht es wieder Richtung East Village, denn in einem der Community Gardens findet heute ein Theater Nachmittag mit sechs 30-minütigen Vorstellungen statt. Als erstes gibt es eine Darbietung mit Marionetten, dann eine Autorinnen-Lesung, gefolgt von Improvisationstheater einer Shakespeare-Truppe. Leider wird mir langsam kalt und ich fühle mich schlapp und fahre deshalb heim.

dav
dig

2. Juni, Manhattan

sdr

Weil es hier sehr viele Vorlesepaten und Geschichtenerzähler/innen gibt und ich die Stuttgarter Buchkinder so toll finde (und Birgit mir Unterstützung versprochen hat) frage ich bei der Flatbush Library ob ich sowas dort als Ehrenamtliche machen kann. Der Antrag durchläuft jetzt die Mühlen der Bürokratie. In Alice’s Tea Cup in Brooklyn Heights esse ich einen Scone mit Cream und Jam und dann geht’s weiter nach Manhattan die Goodwill Läden durchwühlen. Leider finde ich keine richtig coolen T-Shirts. Dafür entdecke ich einen hübschen Papierwarenladen und bleibe hängen und bei so vielen schönen Dingen werde ich dann auch schwach. Mit meinen Schätzen setze ich mich in den Madison Square Park um noch ein bisschen zu lesen. Plötzlich tut es einen Riesenschlag gefolgt von einem grellen Blitz. Also ab in die Metro und nach Hause.

dav
sdr

1. Juni, Brooklyn

dav

Jetzt bbin ich schon fast einen Monat hier und war immer noch nicht in meinem Kiez Park. Der Canarsie Park (so benannt nach dem Stamm der Canarsee Indianer) zieht sich an der Jamaica Bay entlang und hat neben den üblichen Sportplätzen auch kleine Trails auf denen ich mich natürlich sofort verlaufe. Irgendwie finde ich doch den Weg zum Pier und mache es mir an einem der Picknicktische gemütlich um mit Blick aufs Wasser zu lesen. Kleiner Schreck, ich habe mein Buch vergessen. Es ist trotzdem schön hier zu sitzen, den Kindern beim Spielen und den Skateboardern beim Rumblödeln zuzuschauen. Auf dem Heimweg springen ich noch kurz in den Key Food, ich will uns eine Flasche Wein kaufen und ein bisschen Gemüse. Großer Schreck, die Kreditkarte ist nicht im Geldbeutel. Zum Glück finde ich sie in einem anderen Fach.